Die ganze Wahrheit

Die ganze Wahrheit

So viele Gedanken kreisen in meinem Kopf. Schon länger, aber immer intensiver und dominanter. Es muss sich was ändern. Ich bin nicht glücklich.

Ich sollte glücklich sein, ich habe einen wunderbaren Freund, eine tolle Wohnung, eine herzliche und gesunde Familie, ich komme in der Weltgeschichte herum und bin seit 2011 selbständig und kann meine Rechnungen bezahlen.

Aber der Druck ist so gross, dass er mich erdrückt.

Ich liebe, was ich mache, ich liebe es Models und Künstler für ihren grossen Auftritt noch mehr zum Strahlen zu bringen, ich liebe es zu schreiben, zu fotografieren, Eindrücke aus meinen Reisen zu teilen. Ich liebe neue Produkte zu entdecken und wenn sie mich überzeugen darüber zu schreiben. Ich liebe das Schreiben allgemein, nur traurig, dass das Lesen leider nicht mehr so im Trend liegt…

Alles wird an Zahlen gemessen, und die Freude an einem schönen Bild wird von der kleinen Anzahl Herzchen getrübt. Die Freude an stimmungsvollen Fotos wird von Kunden mit anderen Erwartungen und Vorstellungen gedämpft und ich von Selbstvorwürfen geplagt; hab ich nicht alles gegeben? Ist meine Wahrnehmung so verzerrt? Und vor jedem Makeupjob plagen mich die Selbstzweifel: Kann ich die Erwartungen erfüllen? Bin ich der Aufgabe gewachsen?

Das führt dazu, dass Arbeiten, die mir grosse Freude bereiten, plötzlich zur Qual werden. Meine Leidenschaft, das Feuer, welches normalerweise in mir brennt, ist in Gefahr zu erlöschen. Ich habe es daran gemerkt, dass ich morgens starke Probleme habe aus dem Bett zu kommen, egal wie viel ich geschlafen habe. Normalerweise, wenn ich für etwas brenne, dann bin ich auch nach zwei Stunden Schlaf bei bester Laune.

Meine Freundin Nina, mit der ich Israel bereist habe, hat mir das unterbewusst vor die Augen geführt: Ich musste Bilder im Oriental Style schiessen. Gehetzt irrte ich in Tel Aviv und Jerusalem herum, auf der Suche nach einem schönen Plattenboden, einer Mosaikwand oder einem orientalischen Springbrunnen, nichts davon war zu finden. Ich war zerrissen von Schuldgefühlen gegenüber meiner Reisebegleiterin und dem Pflichtbewusstsein gegenüber meinem Auftraggeber. Sie hat gemeint „ist doch mega cool, diese Aufgabe“. Aber ich war innerlich so gestresst und unter Druck, dass ich die Tage als null erholsam empfand und den eigentlichen Moment gar nicht richtig wahrnehmen und geniessen konnte. Stets plagte mich diese innere Unruhe, Herzrasen, Nervosität und Unausgeglichenheit, und oft einfach auch nur Traurigkeit und das Gefühl des Versagens.

Ich versuche andere Bilder als der grosse Mainstream auf Instagram zu schiessen, denn diese Bilder, millionfach kopiert, aufs äusserte bearbeitet und mit tausend Filter „verschönert“, die langweilen mich. Als Konsequenz bekomme ich von Kunden zu hören, dass meine Bilder schlechte Styles haben, welche dem Mainstream, achtzehnjährigen Mädchen mit überkonturierten Gesichtern, selber geplagt von Selbstzweifel durch Social Media, nicht entsprächen. Aber ich bin weder achtzehn, noch ein Topmodel, ich kaufe meine Kleider nicht bei Zara oder nak-d, noch bearbeite ich meine Bilder, ausser die Lichtverhältnisse und den Kontrast. Und das nicht erst seit gestern…

Heute war ich in der Pedicure und die Stylistin mit einer grossen jungen Kundschaft, hat mir verraten, dass viele ihrer wirklich hübschen und intelligenten jungen Kundinnen an Depressionen und Selbstzweifel leiden, manche haben schon mehrere Klinikaufenthalte hinter sich.

Möchte ich diese Entwicklung noch nähren? Nein, auf keinen Fall. Sie macht mich traurig und krank.

Eine ganze Generation in Eigenhass, wegen Social Media. Ich würde behaupten, dass ich ein gesundes Selbstwertgefühl habe, aber auch ich kenne diese Gefühle nur allzu gut. Ich bin froh, dass es in meiner Teenagerzeit weder Facebook noch Instagram gab, ich wäre bestimmt daran zerbrochen. Und ich muss schauen, dass es mir heute nicht passiert.

Ich liebe das Fotografieren, das Schreiben, andere mit Stylingtipps zu inspirierend und ich möchte das nicht aufgeben. Aber etwas muss ich ändern.

Momentan bin ich auf Instagram wie blockiert, ich getraue mich fast nicht mehr, Bilder hochzuladen, aus Angst vor der nächsten Niederlage, denn wenig Views, wenig Herzchen bedeuten in der Welt der Instagrams „Fail“, respektive „die Aktien haben schon wieder an Marktwert verloren“!

Ich behaupte, ich kenne alle Tricks, wie man sich auf Instagram wichtig machen kann, von Autobots, über „Engagementgruppen“, Shoutouts etc. Aber es ist mir zuwider diese anzuwenden und ich kann es moralisch nicht vertreten. Ich bin auch der Meinung, dass es in den legalen Graubereich fällt, sobald man eine bezahlte Kooperation eingeht. Denn man täuscht falsche Tatsachen vor. Ich weiss von vielen mittelgrossen und grossen Insta-Bloggern, dass sie tricksen, und bei vielen sogar wie. Ungehemmt dessen, gehen sie eine bezahlte Kooperation nach der anderen ein; den PR-Agenturen und Marken scheint es nichts auszumachen, dass sie eigentlich übers Ohr gehauen werden.

Aber zurück zu meinem Instagram. Seit gut drei Jahren arbeite ich mit Dreierserien. Ich lade immer drei Bilder gleichzeitig hoch. Ich wollte damit eine dreidimensionale Sicht auf ein Produkt oder eine Situation werfen, eine kleine Geschichte damit erzählen. Diese Ära geht nun zu Ende. Ich habe mich entschlossen, nur noch ein Bild aufs Mal hochzuladen. Es lässt mir viel mehr Freiheiten und ich kann auch viel spontaner posten. So hoffe ich, dass ich die Freude an diesem Medium wieder verspüren werde. Soviel für heute. Ich halte übrigens die Augen offen, nach einem kleinen Pensum Schreibarbeit, oder vielleicht auch etwas in der Eventorganisation oder PR. Falls Ihr was hört, lasst es mich wissen.

Ich hoffe, dieser Text hat Euch nicht zu viele negative Vibes vermittelt, aber ich plädiere für mehr Authentizität auf Social Media, und dazu gehören eben auch die Schattenseiten des Lebens.

Eure
Jesca Li

PS. Damit dieser Post auf Facebook Beachtung bekommt, sollte ich eigentlich ein Bild von mir posten. Denn Bilder, auf denen ich nicht zu sehen bin ziehen überhaupt nicht. Aber ich finde dieses Bild, welches ich in Tel Aviv geschossen habe, ein perfektes Sinnbild für den Text. Eine Gittertür, eine Wand die abblättert, und dennoch versucht man das “Office” aufrecht zu erhalten…

19 Comments

  1. 28. Mai 2019 / 14:28

    Ich verstehe dich sooo gut! Es geht mir genau so im Moment! Ich habe Mühe mit Social Media. Was ist der Sinn dahinter? Warum suchen wir ständig mehr Likes und Followers? Bin ich mein Instagram Account oder bin “nur” ich? Kann ich noch “ich” sein?
    Viel Kraft und Geduld und bleib so wie du bist!

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 14:31

      Liebe Salome

      Danke vielmals für Deine tollen Worte! Gerade der Punkt “bin ich “nur” ich” oder gibt es nur “mich” noch, finde ich auch mega wichtig zu überdenken! Auch einer der vielen Gedanken, der mir im Kopf herumschwirrt..Danke Dir!

  2. 28. Mai 2019 / 15:11

    Toll geschrieben Jesca. Kann vieles nachfühlen.
    Was mir eher “Sorgen” macht ist dieses blinde Weitermachen. Egal ob Agenturen/Brands die nicht sehen wollen oder wir selber.
    Du hast angehalten. Gut so Jesca! Dein Weg wirst Du finden.
    Garantiert.
    Liebe Grüsse
    Cinzia

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 15:16

      Liebe Cinzia

      Danke für Deinen lieben Kommentar. Ja, das macht mir auch Sorgen, und meine ursprüngliche Hoffnung, dass sich bald mal etwas ändert, verblasst immer mehr.
      Danke Dir vielmals für Deine Ermunterung. Ich hoffe es sehr!
      Ganz liebi Grüess

      Jesca

  3. Isabelle
    28. Mai 2019 / 18:32

    Wahre Worte Jesca und wirklich toll,dass Du dies ansprichst. In der heutigen Zeit muss es immer höher,besser,weiter,noch toller etc. Ich finde dies sehr tragisch, denn das Echte bleibt auf der Strecke. So viele sind dem Druck nicht gewachsen und werden unglücklich. Ich habe schon einige Posts von ôffentlichen Personen gelesen,welchen es ähnlich geht wie Dir. Ich finde es toll,dass Du die Grenze für dich ziehst. Das ist so wichtig in der heutigen Zeit, zurück zu sich selbst zu finden..Du bist so fabelhaft und einzigartig,bleib so. Wenn ich dich unterstützen kann, lass es mich wissen. P.s ich bin scheinbar der einzige Mensch ohne Insta.. 😀 Isabelle.S

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 19:13

      Liebe Isabelle, Danke Dir, dass Du Dir die Zeit genommen hast, diese Zeilen zu schreiben! Und Instagram…naja…ist nicht nur Teufelswerk, kann auch ganz schön inspirierend sein…leider gehen die guten Beiträge oft im Einheitsbrei und der Werbeflut von gesponserten Posts unter…nur Büsivideos hats noch nicht so viele wie auf Facebook 😉

  4. Andrea
    28. Mai 2019 / 21:14

    Ganz toller Post du sprichst ganz vielen und auch mir aus dem Herzen und hoffe auch das sich bald wieder etwas an dieser Ansicht ändert.

  5. Ona Forbes Molina
    28. Mai 2019 / 21:47

    Liebe Jesca

    Du kannst sehr stolt auf Dich sein! Inne zu halten,sich umzuschauen und auch mal langsamer zu fahren, das wird in unserer Gesellschaft,in der alle NOCH besser,NOCH schöner & NOCH schlanker sein müssen,schnell mal vergessen. Oder sagen wir,es braucht viel Mut, sich diesem ewigen Steom zu entziehen und sich selbst zu fragen,will ich das?Erfüllt mich das?Bin das ich?
    Abgesehen davon,dass ich Deine Posts sehr esthetisch finde, ist es eigentlich eine Schande,dass gerade Menschen wie Du sich am Ende das Tages so fühlen müssen…wenn man nur bedenkt,wieviel Arbeit,Phantasie,Gedanken usw dahiner steckt, ist es wirklich traurig, dass unter den heutigen Erwartungen so kreative Köpfe wie Du (und auch Andere) eine Sinneskrise, starke Selbstzweifel oder garein Burnout erleiden müssen…
    Ich denke,es erfordert nur schon sehr viel Mut,sich so authentisch der Öffentlichkeit zu zeigen, daher kannst du wirklich stolz auf Dich sein!
    Danke für Deine Offenheit und Realness,bleib so wie Du bist!
    Viel Kraft, Mut und Zuversicht
    Ona

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 23:58

      Liebe Ona

      Wow, danke Dir vielmals für Deinen Text. Du hast es wunderschön (und traurig zugleich) auf den Punkt gebracht! Danke Dir für Dein liebes Feedback, und dass Du Dir die Zeit genommen hast, diesen Text zu verfassen; ich bin überwältigt!
      Ganz liebi Grüess
      Jesca

  6. Jenny
    28. Mai 2019 / 21:56

    Liebe Jesca
    Toll geschrieben!
    Es ist schon zum verzweifeln wie fest gepfuscht wird!
    Ich möchte das auch nicht. Für mich muss es natürlich sein. Ist mir egal was die 18 Jährigen Püppchen machen und darüber denken;-) Sie sind für mich uninteressant!
    Ich hoffe und glaube fest daran dass du eine für dich passende Lösung finden wirst. Du bist nämlich toll und ich freue mich immer dich zu sehen:-)
    Liebe Grüsse
    Jenny

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 23:56

      Liebe Jenny

      Danke Dir vielmals für Deine lieben schönen Worte! Ich bin sprachlos und dankbar!

      Liebe Grüsse
      Jesca

  7. 28. Mai 2019 / 23:02

    2 Personen haben gerade deinen Beitrag geteilt und nun habe ich deinen Text gelesen. Fühle mich oft auch so. Toll, dass du so ehrlich bist und ich denke jeder sollte für sich herausfinden, welche Dosis SoMe für einem ok ist. Wie viele Prozent suchst du denn eine Schreibarbeit?
    Alles Liebe, Anja

    • Jesca Li
      Autor
      28. Mai 2019 / 23:53

      Liebe Anja

      So schön, bist Du auf meinen Beitrag gestossen und danke Dir, dass Du Dir die Zeit für diese Zeilen genommen hast. Ich denke so 20-60%. Da ich Fulltime-Freelancer bin, bin ich relativ flexibel…
      Ganz liebe Grüsse aus der analogen Welt
      Jesca

  8. nina naomi
    28. Mai 2019 / 23:54

    <3 du bist so ein wunderbarer Mensch <3

    • Jesca Li
      Autor
      29. Mai 2019 / 00:00

      Ganz viel Herzchen für Dich, danke Dir meine liebe Nina! Auch dass Du mich in meinem Gestresse in Israel ertragen hast!

  9. 29. Mai 2019 / 00:08

    Ich bin per Zufall über Dein IG-Profil und nun Deinen Blog gestossen. Dein Beitrag ist so gut geschrieben und wiederspiegelt vieles was auch ich denke. Auch ich habe zur Zeit meine Mühe mit Social Media. Das Blindsein der Firmen etc. bringt mich vor allem zum Nachdenken. Es ist für mich nicht verständlich und ich fasse mir immer wieder an den Kopf wenn ich wieder gewisse Kooperationen von „grossen“ Profilen sehe. Ich denke in letzter Zeit oft darüber nach, was es alles für einen Sinn hat. Erster Schritt, ich habe mir diese IG Erinnerung eingetragen und wenn ich die tägliche Zeit erreicht habe war‘s das. Mein Leben spielt sich vor meinen Augen ab und nicht im kleinen Kasten. Aufgeben möchte ich es nicht aber ich will mich mehr denn wichtigeren Herzchen widmen. Deine Einstellung finde ich super!

    • Jesca Li
      Autor
      29. Mai 2019 / 00:46

      Liebe Joy

      Was für ein schön geschriebener Text! Es freut mich sehr, dass Du den Weg zu meinem Blog gefunden hast. Die Idee, mit einer gewissen Instagram-Zeit finde ich super! So widmet man sich bewusst den digitalen Herzchen zu und kann sich danach auf seine wichtigsten realen Herzchen konzentrieren! Danke für den Input. Und ja, das richtige Leben kann wirklich genau so schön sein, wenn nicht schöner, als dasjenige im kleinen Kasten, sehr treffend beschrieben! Danke Dir vielmals!
      Liebe Grüsse

      Jesca

    • Jesca Li
      Autor
      31. Mai 2019 / 15:31

      Danke vielmals liebe Serena!

      Ganz liebe Grüsse und Happy Weekend!

      jesca

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